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Stadtteil der Quartiere? Wie die Stadt Frankfurt am Main den eigenen Hitzetod plant

Im Nordwesten von Frankfurt soll auf 550 Hektar fruchtbarem Ackerland ein riesiges Neubaugebiet entstehen – der Stadtteil der Quartiere -, das aktuell größte Siedlungsbauprojekt Hessens. Im Zuge einer „städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme“ sind 6.800 Wohnungen für rund 17.000 Menschen sowie drei Schulen, Freizeitstädten und Parks geplant. Noch sind die Felder ein beliebtes Naherholungsgebiet für die angrenzenden Stadtteile sowie Lebensraum für eine Vielzahl von Tieren. Im Zuge der Bebauung würden rund 190 Hektar Land vollständig versiegelt – mit erhebliche Folgen.

In Deutschland und besonders auch im Rhein-Main-Gebiet kommt es immer wieder zu Hitzewellen und Starkregenereignissen mit zunehmender Häufigkeit und Intensität. Durch großflächige Versiegelung steht für das Regenwasser weniger Versickerungsfläche zur Verfügung, was zu einer Überlastung der Kanalisation und letztlich Überflutungen führen würde.[1] Aktuell dienen die 550 ha unversiegelten Acker- und Naturflächen als riesige Wasserspeicher, für über 4 Millionen Liter Wasser. Ein Teil dieses Regenwassers wird zu Grund- und Trinkwasser, der Rest verdunstet wieder und sorgt so in der Umgebung nachts für angenehme Kühlung um 5-10 Grad. Diese natürliche Klimaanlage soll nach den Plänen der „Stadtentwickler“ wegfallen.

Werden in dem neuen Stadtteil, wie geplant, konzentriert mehrgeschossige Wohngebäude gebaut[2], kann auch die aus dem Taunus kommende Kaltluft nicht mehr in die Innenstadt gelangen. Folge: Auch in der Innenstadt werden länger höhere Temperaturen auftreten.

Das Gebiet wird gegenwärtig in großen Teilen landwirtschaftlich genutzt. Die Böden haben eine sehr hohe Bodenqualität und sind äußerst fruchtbar, weshalb ein wesentlich höherer Ertrag möglich ist als auf Flächen in anderen Regionen.[3] Diese Böden sind daher prädestiniert zur Erzeugung von Agrarprodukten. Im Zuge der Stadtentwicklung will die Stadt einen Eigentumsübergang an den Flächen von den Landwirten enteignungsähnlich[4] erzwingen, um sie in ein Baugebiet umzuwandeln. Die regionale Agrarproduktion mit niedrigem Co2-Abdruck käme auf diesem Gebiet zum Erliegen.

Fazit: Durch die geplante Bebauung wird das Kaltluftentstehungsgebiet, der Wasserspeicher und die Grundlage regionaler Ernährung zerstört, die Stadt heizt sich auf und bei Starkregenereignissen werden erheblich häufiger Überflutungen auftreten.

Dabei gibt es Alternativen:

In der Rhein-Main-Region steht eine Vielzahl von Gebäuden leer. Allein in Frankfurt wurden bei der letzten Erhebung rund 13.000 leerstehende Wohnungen gezählt, hinzu kommt eine erhebliche Zahl an leerstehenden Büroflächen. Diese bereits im bebauten Bestand stehenden Flächen könnten im Rahmen der strukturierten Innenentwicklung zu Wohnraum umfunktioniert werden. Diese Möglichkeit der Wohnraumaktivierung geht nicht nur mit erheblich geringeren Umwelt- und Klimafolgekosten einher, es werden auch hohe Kosten für Erschließung und Infrastruktur eingespart.

Die Argumente dürften auch der Stadt Frankfurt bekannt sein. Trotzdem wollen die treibenden Politiker:innen, insbesondere OB Mike Josef, nach dem das geplante Gebiet unter der Hand benannt wurde (Josef-Stadt), Wohnraummangel durch Außenentwicklung auf der grünen Wiese schaffen. Solche kurzgedachten, vermeintlich prestigeträchtigen Baudenkmäler -oder eher Bausünden – können wir uns als Gesellschaft in Zeiten der Klimakrise jedoch nicht mehr leisten.

Ingrid Hagenbruch und Mia Sulzbach


[1] Wetzel, Neuer Stadtteil der Quartiere (2022), S. 13

[2] Geplant sind Gebäude mit drei und mehr Stockwerken. Einfamilienwohnhäuser sind zumindest in einem der drei Teilgebiete nicht vorgesehen.

[3] Wetzel, Neuer Stadtteil der Quartiere (2022), S. 17.

[4] In diesem Fall erwirbt die Gemeinde die in das Gebiet fallenden Grundstücke zu dem sogenannten entwicklungsunbeeinflussten Wert, d.h. zu dem Verkehrswert vor der Planung. Dieser Wert ist um ein Vielfaches niedriger als der Wert, den das Land durch die Planung erhält.

 

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